Von Gastschreiber & Euro-Experte Simon “robbe” Jatsch
Trotz Titeln im spanischen Pokal und im ULEB-Cup 07/08 ist DKV Joventut Badalona kein europäischer Elite-Verein, wenn man unter Elite die Gruppe der finanzstarken Großklubs versteht, die Jahr für Jahr um den Euroleague-Titel spielen. Dennoch besucht uns am kommenden Dienstag einer der ganz großen Namen des europäischen Basketballs auf dem Hardtberg. Joventut hat einen für ACB- und Euroleague-Verhältnisse moderaten Gesamtetat – etwa sieben Millionen Euro vergangene Saison, dieses Jahr nach finanziellen Problemen im Winter deutlich weniger, trotz des Rubio-Buyouts – , trotzdem ist der Klub in aller Munde, nicht nur auf unserem Kontinent: Durch die Ricky Rubio-Saga des Sommers zum Beispiel, durch Rudy Fernandez’ starke Rookiesaison mit den Portland Trail Blazers oder aufgrund der Tatsache, dass im 2009er Jahrgang des NBA Drafts nicht etwa eine weitere amerikanische Hochschule die zweitmeisten Draftees hinter der University of North Carolina (fünf) stellte, sondern eben DKV Joventut Badalona mit gleich drei Spielern, zwei davon sogar in der ersten Runde.
Badalona verbindet Jugendarbeit mit sportlichem Erfolg wie kaum ein anderer Klub in Europa, wobei wir Partizan Belgrad nicht unerwähnt lassen wollen. Alles, worüber man in Deutschland lange Diskussionen führt, ist in Badalona selbstverständlich. Dort macht das Supertalent Ricky Rubio sein Erstliga-Debüt im zarten Teenager-Alter von 15 Jahren und ist mit 17 Starter und zweitwichtigster Spieler in einem Team, das bis ins Playoff-Halbfinale vorstößt. Dort stehen zwei 20-Jährige in der Rotation und weitere junge Talente wie beispielsweise der 1991 geborene Aufbauspieler Josep Franch schnuppern regelmäßig ACB-Luft, außerhalb der Garbage-Time wohlgemerkt. All das, obwohl die spanischen Sportgiganten FC Barcelona und Real Madrid regelmäßig viel Geld ausgeben, um in- und ausländisches Talent frühzeitig zu binden und selber auszubilden. Zu den Produkten der Joventut-Basketballschule zählt nicht nur der im Sommer für eine Rekordablöse von 3.7 Millionen Euro an den FC Barcelona verkaufte Jungstar Rubio, fünfter Pick des NBA-Drafts, sondern auch der bereits erwähnte spanische Nationalspieler Rudy Fernandez, kürzlich erst in die „beste Fünf“ des jüngsten EM-Turniers gewählt. Außerdem: Spielmacher Raul Lopez, der zahlreiche Jahre in der NBA und auf europäischem Toplevel verbrachte, der spanische Nationalspieler Alex Mumbru und mit Roger Grimau und Sergi Vidal zwei weitere langjährige ACB-Leistungsträger. Dabei konzentriert sich auch Joventut keineswegs bloß auf spanisches Talent, es wird umsichtig gescoutet und rekrutiert: Mit Henk Norel (Holland) und Christian Eyenga (Demokratische Republik Kongo) wurden im jüngsten NBA-Draft zwei nicht-spanische Spieler gezogen, die sich bei Joventut entscheidend entwickelt haben.
Generell gilt: Der Klub ist größer als jeder Spieler, jeder Trainer, jeder Kluboffizielle. Dementsprechend wurde 2008 als Nachfolger von Starcoach Aito Reneses kein Auswärtiger verpflichtet, sondern man schenkte Sito Alonso, der als Co- und Jugendtrainer im Verein wertvolle Arbeit geleistet hatte, das Vertrauen. Auch nach Rubio geht das Leben weiter. Herausragendes Basketball-Knowhow auf allen Etagen garantiert, dass der Klub, der noch nie aus der ersten spanischen Liga abgestiegen ist, weiter im oberen Drittel der ACB mitmischt. Dabei sticht neben der Jugendarbeit das herausragende Scouting im Profi-Bereich heraus. Es werden vergleichsweise preiswerte Spieler verpflichtet, die perfekt in das schnelle Spielsystem passen. Das trifft auf Kristaps Valters genau so zu wie auf Demond Mallet und Jan-Hendrik Jagla, die beide durchaus erfolgreichen Basketball im grün-schwarzen Jersey spielten.
Der Kader: Ein junger, schneller Kader mit Schlüsselspielern im Backcourt und vielseitig einsetzbaren Rollenpielern auf den restlichen Positionen. Hier ein Blick auf die Kadertiefe mit den dazugehörigen Minutenzahlen, jeweils pro ACB-Spiel, derer Joventut bis Dato acht absolviert hat, wobei Fernandez (1), Eyenga (1) und Franch (3) schon Spiele verpasst haben.
Das Shooting Guard-Duo ist derart gut, dass Tucker häufig auf die Drei ausweicht. Luka Bogdanovic und Pere Tomas sind nicht unähnliche Spieler – mobile Faceup-Forwards, die sowohl die Drei als auch die Vier spielen können. Generell gilt in Badalona: Wer startet, das ist unwichtig. Oft ist das auf der Fünf zum Beispiel Antonio Bueno, der dennoch die wenigsten Minuten aller Center spielt.
Point Guard: Kristaps Valters (#9) kennen eingefleischte BBL-Fans noch aus seiner Oldenburger Zeit, allerdings hat sich der Lette über die Jahre deutlich weiterentwickelt, so dass er heute zu den besten Pick-and-Roll-Spielern der ACB gehört. Nicht zu verachten ist auch sein Distanzwurf, ganz im Gegensatz zu Vorgänger Rubio. Riesige Unterschiede zu Valters’ Ungunsten gibt es aber in der Defense, wo Valters bestenfalls Durchschnittliches leistet, während Rubio ständig Ballgewinne forcierte und damit das Fastbreakspiel ankurbelte. Valters’ Backup ist Mario Fernandez (#34), ein solider, etablierter ACB-Spielmacher. Dahinter sieht das erst 18 Jahre alte Talent Josep Franch (#14) hin und wieder Einsatzzeit, immerhin 28 Minuten in 4 ACB-Spielen.
Shooting Guard: Clay Tucker (#24) und Uros Tripkovic (#4) sind zwei Spieler desselben Schlages: Tödliche Catch-and-Shoot-Schützen. Beide sind extrem schnell und wendig, nutzen effektiv den Block an der Baseline um an der Dreierlinie für einen Wimpernschlag freie Sicht auf den Korb zu bekommen und drücken anschließend in Sekundenbruchteilen ab. Tucker ist der Topscorer des Teams bei 15.1 Punkten pro Spiel, netzt knapp über 40 Prozent seiner Dreier bei etwas mehr als sieben Versuchen pro Partei ein und verteilt zusätzlich 4 Assists im Schnitt. Sein serbischer Kollege trifft 36 Prozent seiner 4.4 Dreierversuche pro Spiel und ist jederzeit in der Lage heiß zu laufen. Tripkovic war wohlgemerkt ein Schlüsselspieler sowohl für Partizan Belgrad, das es vergangene Saison mit einem blutjungen Team ins Euroleague-Viertelfinale schaffte, als auch für das serbische Nationalteam, für das er auf dem Weg zur EM-Silbermedaille mit 9.1 Punkten im Schnitt viertbester Scorer war. Das Guard-Trio Valters-Tucker-Tripkovic ist ohne Zweifel der Kern des Teams, der den Großteil der Offense kreiert, nicht nur durch direkte Punkte, sondern auch durch Anspiele auf die großen Mitspieler.
Small Forward: Hier kombinieren zwei junge, talentierte Spieler etwa 30 Minuten pro Spiel: Pere Tomas (#19) (Jahrgang 1989), ein großgewachsener Small Forward mit Hang zur Vier, wird als zukünftiger spanischer Nationalspieler gehandelt. Christian Eyenga (#23), der ACB-Dunking-Contest-Sieger von 2009, ist ein athletisches Sprungwunder, das an beiden Enden des Spielfeldes für Highlights gut ist. Eyenga (ebenfalls erst Baujahr 1989) wurde im Frühsommer an 30ter Stelle des NBA-Drafts von den Cleveland Cavaliers ausgewählt, obwohl er bis dahin kaum Erstligaminuten für Joventut gespielt hatte, sondern primär für das Farmteam CB Prat aufgelaufen war. Heute ist Eyenga ein Rotationsspieler, der mit seiner Athletik die Dynamik eines Spiels entscheidend verändern kann. Trotzdem ist das Spiel des 20-Jährigen noch reichlich ungeschliffen.
Power Forward: Luka Bogdanovic (#10) ist etwas zu klein für die Vier, besitzt kaum Inside-Game, und ist gleichzeitig zu langsam und zu schwach im Ballhandling für die Drei. Aber er kann eines herausragend: Sprungwürfe treffen. Bogdanovic zieht die gegnerische Defense, die ihm keinen Zentimeter Platz lassen darf, mit dieser Fähigkeit weit auseinander und macht so das Valters-Sonseca/Norel/Koffi Pick-and-Roll extrem schwer zu verteidigen. Alain Koffi (#21) ist ein beeindruckender Athlet und als Abnehmer der Pick-and-Roll-Pässe ein wichtiger Rollenspieler im Team. Der Franzose blockt, räumt die Bretter ab und sorgt für das ein oder andere ästhetische Highlight. Insgesamt ist er jedoch deutlich schwächer als sein Vorgänger Jerome Moiso.
Center: Auf der Fünf läuft für die Grün-Schwarzen ein Trio auf: Eduardo Sonseca-Hernandez (#34) ist so etwas wie der spanische Bernd Kruel: Ein unheimlich abgezockter, unangenehmer, unathletischer, schnörkellos-effektiver Big Man mit ansprechender Spielintelligenz. Der Holländer Henk Norel (#17), 47. Draftpick der Minnesota Timberwolves dieses Jahr, erinnert äußerlich an den brillianten Lowpost-Center Tiago Splitter von Caja Laboral, hat aber noch einen weiten Weg vor sich, wenn er Splitters Level jemals erreichen möchte. Im Moment ist Norel bloß ein mobiler Pick-and-Roll-Big Man mit flinken Händen und der Fähigkeit, als holländischer Wohnwagen (lies: Trailer) im Fastbreak zu punkten. Antonio Bueno (#11) war Mitglied des legendären spanischen Jugendteams, das 1999 den U-19 WM-Titel gegen eine mit künftigen NBA-Spielern gespickte US-Auswahl gewann und aus dem anschließend herausragende Akteure wie Pau Gasol, Juan Carlos Navarro, Felipe Reyes und Raul Lopez hervorgingen. Anschließend erlebte er aber im Gegensatz zu vieler seiner Teamkollegen eine eher unspektakuläre ACB-Karriere.
Spielstil: Joventut drückt auf’s Tempo! Risikopässe im Fastbreak sind ebenso erlaubt wie schnelle, im europäischen Spitzenbasketball eher selten tolerierte Würfe früh auf der Wurfuhr. Grundsätzlich verfolgt man dabei vor allem ein Ziel: Die Defense kalt zu erwischen, bevor sie sich überhaupt formiert hat. Problem ist, dass es dem aktuellen Team wesentlich schwerer fällt das Spieltempo zu dominieren als seinem Vorgänger um Ricky Rubio. So wird Joventut in der laufenden Saison häufig ins Halbfeld gezwungen. Dort ist der Dreier eine wichtige Waffe: 47% Prozent aller Feldwurfversuche werden von hinter dem Halbkreis abgefeuert – ein astronomischer Wert, bei den Baskets sind es lediglich 33 Prozent. Gleichzeitig hat die Mannschaft von Coach Sito Alonso Probleme, an die Freiwurflinie zu kommen. Im Rebound zeigt die Mannschaft zwei Gesichter: Stark am gegnerischen Brett (32,2% der eigenen Fehlwürfe sind Offensivrebound, also fast jeder dritte Wurf), unzureichend in der Defense (nur 65.6 Prozent der gegnerischen Fehlwürfe sind Defensivrebounds).
Fazit: Joventut ist der prominenteste Klub im diesjährigen EuroCup, eines der besten sechs ACB-Teams, Mitfavorit auf den EuroCup-Titel und deshalb ein unheimlich harter Brocken. Die Spanier bringen ihre treffsicheren Schützen immer wieder gut in Position, daher müssen die Bonner Verteidiger hellwach sein und sich aufopferungsvoll durch die Blöcke kämpfen. Hier wird insbesondere auf Bryce Taylor Schwerstarbeit zukommen, aber auch Artur Kolodziejski und Ronald Dupree könnten in diesem Spiel eine entscheidende Rolle spielen. Auf den großen Positionen warten auf Chris Ensminger und John Bowler erfahrene Lowpost-Verteidiger wie Bueno und Hernandez-Sonseca, die mit allen Wassern gewaschen sind.
Ein serbischer Nationalspieler, ein herausragender amerikanischer Schütze, ein NBA-Firstrounder, ein Second-Rounder, zahlreiche Basketball-Talente. Einfach mal den Flair des schnellen spanischen Basketballs erleben. Dieses Spiel sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!
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Ein Hinweis noch in eigener Sache vom baskets|blog-Team: Nicht nur wegen dem grandiosen Gegner lohnt es sich, am Dienstag in den Telekom Dome zu gehen…Es wird auch eine besondere Aktion vom baskets|blog geben! Seid gespannt und kommt zahlreich!
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Klasse recherchiert! Das macht Lust auf mehr! Bin gespannt auf Dienstag…
Whow! Wenn das mal kein Maßstab für einen Vorbericht ist!!! Leider kann ich morgen nicht im Dome sein, um mir Badalona live anzuschauen. Statt dessen halt Leipzig
[...] A wie Ausführliche Preview: Die gab es bereits vor dem Heimspiel im Telekom-Dome, zur ausührlichen Analyse zu DKV Joventut Badalona hier entlang. [...]