Von Gastschreiber & Euro-Experte Simon “robbe” Jatsch
Vor einigen Wochen war mit Joventut Badalona noch ein großer Name des europäischen Basketballs in Bonn zu Gast, mit dem Gegner am kommenden Dienstag verhält es sich etwas anders: Erfolgreich, aber häufig zu Unrecht übersehen. Unics Kazan ist ein relativ junger Verein (Baujahr 1991) und begann erst im laufenden Jahrzehnt Erfolge zu erzielen: Russischer Pokalsieger 2003, FIBA Europe Cup-Sieger 2004, ULEB-Cup-Halbfinalist 2007, erneut russischer Pokalsieger 2009.
Die ULEB-Cup/EuroCup-Bilanz liest sich beeindruckend: 9:1 Siege bei der ersten Teilnahme in der Vorrunde 05/06, Ausscheiden in der K.O.-Runde gegen Lottomatica Roma. 7:3 in der Gruppenphase 07/08, Achtelfinalsieg über Hemofarm Vrsac, Viertelfinalsieg über Montepaschi Siena – ein Klub, der im Folgejahr mit nahezu unverändertem Kader das Euroleague Final Four in Madrid erreichte – und eine Semifinalniederlage gegen den späteren Sieger Real Madrid. Lediglich 5:5 in der Gruppenphase 07/08, aber nach Siegen in den ersten beiden K.O.-Runden (u.a. über Quakenbrück) Teilnahme am EuroCup Final Eight in Turin, wo Unics dem späteren Finalisten Akasvayu Girona – mit dem überragenden Marc Gasol – unterlag. In der vergangenen Spielzeit schieden die Russen erstmals trotz einer 9:3-Bilanz (6:0 in der ersten Gruppenphase, 3:3 im Top16) frühzeitig aus. Die aktuelle 3:0-Bilanz in der starken Bonner EuroCup-Gruppe kommt also wenig überraschend, auch wenn ein Sieg in Badalona nicht zwangsläufig zu erwarten gewesen ist.
Der Kader: Coach Valdemaras Chomicius baut auf einen vielseitigen Kader, angeführt vom kroatischen Nationalmannschafts-Tandem Popovic–Loncar, Scorer Lyday, dem alten Saulius Stombergas und komplettiert von diversen verlässlichen russischen Rollenspielern.
Starter auf der Eins ist in der Regel Petr Samoylenko, während Marko Popovic von der Bank kommt. Backup-Center Likholitov verletzte sich vor Beginn der EuroCup-Saison, ohne ihn ist die Frontcourt-Rotation dünn, so dass hin und wieder Small-Ball-Formationen mit den Small Forwards Zamanskiy und Stombergas auf der Vier gespielt werden.
Point Guard: Interessanterweise lassen sich auf dieser Position durchaus passende BBL-Vergleiche ziehen. Unics-Uhrgestein Petr Samoylenko (mit Ausnahme der Saison 07/08 seit 1998 im Verein) ist eine Art Steffen Hamann. Der 32-Jährige verteidigt unheimlich intensiv gegen den Ball, hat nicht selten mehr Assists als Wurfversuche, besitzt keinen stabilen Distanzwurf und hat in seiner Profi-Karriere in keiner Saison 10 Punkte oder mehr im Schnitt erzielt. Oft unterschätzt wegen seiner limitierten Scorer-Fähigkeiten, aber einer der wichtigsten Akteure im Chomicius-Kader. Der Kroate Marko Popovic ist vergleichbar mit einem Heiko Schaffartzik in EM-Form, bloß zwei Klassen gefährlicher. Popovic (Jahresgehalt Medienberichten zufolge: 900.000€ netto) ist mit 23 Punkten – bei mehr als vier erfolgreichen Dreiern pro Spiel – und 6 Assists im Schnitt einer der herausragenden Spieler der ersten EuroCup-Wochen. Vor wenigen Monaten war er mit über 10 Punkten im Schnitt, darunter 30 im direkten Matchup gegen Frankreichs Star-Spielmacher Tony Parker, noch zweitbester Scorer des kroatischen Nationalteams bei der Europameisterschaft in Polen. Popovic, einer der wildesten Scharfschützen Europas, trifft aus der Bewegung und aus allen erdenklichen Distanzen, und kommt auf der Eins und Zwei zum Einsatz.
Shooting Guard: Den Kern der PG/SG-Rotation bilden Samoylenko, Popovic und der Amerikaner Terrell Lyday. Lyday hilft dem Team insbesondere durch seine Fähigkeit, aus dem Dribbling kreieren zu können. Im Prinzip ist er ein typischer US-amerikanischer Point Guard mit ausgeprägtem Scoring aber limitiertem Playmaking. Europäische Coaches sehen solche Spieler lieber auf der Zwei, was gerade dann möglich ist, wenn ihm auf der Eins ein großer, defensivstarker Aufbaupieler zur Seite steht, der Flügelspieler verteidigen kann. Ein etatmäßiger Small Forward, Victor Zvarykin – mit 23 Jahren der jüngste Rotationsspieler im Kader – sieht ebenfalls Spielzeit auf der Zwei, aber der Löwenanteil der Minuten geht an das Trio Samoylenko-Popovic-Lyday. Zvarykin ist einer der soliden russischen Rollenspieler im Kader, gut ausgebildet, sicherer Wurf, überdurchschnittliche Defense.
Small Forward: Starter ist der Comboforward Igor Zamanskiy, der auch als Backup auf der Vier fungiert. Der 32-jährige Haudegen besitzt Spielverständnis, ist ein starker Teamverteidiger und überdurchschnittlicher Rebounder. Der zweite Small Forward ist eine lebende Legende des europäischen Basketballs: Saulius Stombergas, ein Volksheld in der Basketballnation Litauen, Euroleague-Sieger mit Zalgiris Kaunas 1999, Olympische Bronzemedaille in Sydney 2000 nach einer hauchdünnen Halbfinalniederlage gegen das, was die Amerikaner damals Dreamteam III schimpften, EM-Titel 2003 in Schweden. 2007 hingen die Sneaker schon am Nagel, aber für seinen Landsmann Chomicius brachte sich Stombergas – wahrlich einer der großen alten Herren des europäischen Basketballs der Marke und Generation Rigaudeau, Danilovic (ein Trio das übrigens zusammen mit Starcoach Ettore Messina vor fast genau 10 Jahren auf dem Hardtberg zu Gast war) – noch einmal in Wettkampfform. Und so kommt es, dass Stombergas, einen Tag nach seinem 36. Geburtstag, noch einmal in Bonn aufläuft. Zu viel Respektabstand sollte die Bonner Verteidigung nicht nehmen: Der Litauer traf bislang 10 von 18 Dreiern im laufenden Wettbewerb.
Power Forward: Bezeichnet man den Backcourt als Schaltzentrale, dann ist Vladimir Veremeenko die Seele des russischen Teams. Veremeenko wurde im NBA Draft 2006 an 48. Stelle von den Washingston Wizards ausgewählt, allerdings halten sich die Ambitionen, den Weißrussen über den großen Teich zu holen, in Grenzen. Veremeenko ist ein 2.11m großer Faceup-PF mit sicherem Distanzwurf, aber was ihn in diesem Team zu einem Schlüsselspieler macht, sind Intensität und Enthusiasmus, die er ins Spiel bringt. Sein Backup war ursprünglich der aktuell verletzte PF/C Fedor Likholitov. Nach dessen Ausfall wird in der Regel etwas kleiner gespielt und vereinzelt springen für wenige Minuten die Comboforwards Artem Kuzyakin und Igor Tkatchenko in die Bresche.
Center: Kresimir Loncar ist in Deutschland kein Unbekannter, spielte als Teenager zwei BBL-Saisons in Würzburg. Anschließend wechselte der Kroate für zwei Jahre nach Italien, absolvierte zwei weitere Spielzeiten in der Ukraine und verbrachte anschließend drei Jahre in der russischen Superleague. Von einem Wechsel in wärmere Gefilde hält ihn vor allem das nötige Kleingeld ab, in Kazan wird eben fürstlich entlohnt. Loncar, immerhin Backup Center im kroatischen Nationalteam bei den Olympischen Spielen in Peking und bei der jüngsten Europameisterschaft in Polen, zahlt es mit verlässlichen Lowpost-Punkten zurück. Ein zentraler Spieler in der russischen Offense: Nur mit Distanzwürfen geht es eben auch nicht. Sein weißrussischer Backup Valentin Yurchik ist ein Mann für wenige Minuten.
Spielstil: Drei Wochen nachdem Joventut Badalona in Halbzeit 1 im Telekom-Dome ein Offensivfeuerwerk abbrannte, tritt die nächste Distanzwurfmaschine auf dem Hardtberg an: In drei EuroCup-Spielen nahm Unics knapp 28 Dreier pro Partie und traf derer 13. 85 Dreierversuche (gegenüber 90 Zweierversuchen) zeigen deutlich, auf welche Art und Weise das russische Team zum Erfolg kommt. Auch hier drücken Samoylenko und Popovic auf das Tempo, um möglichst schon in der Transition offene Schüsse zu bekommen. Kazan spielt typisch europäisch: Häufiges Pick and Roll von Point oder Shooting Guard mit dem Center, „Spread the Floor“ mit zwei sicheren Distanzschützen in den Ecken und einem Faceup-PF auf der ballfernen Halbposition am Halbkreis. Spieler wie Popovic und Lyday dürfen auch mal schlechte Schüsse nehmen: Wenn es ihnen hilft einen Rhythmus zu finden, nimmt man den ein oder anderen Fehlwurf gerne in Kauf.
Fazit: Die Baskets haben gegen Badalona nach einer schwierigen ersten Hälfte mit viel Energie die gegnerischen Distanzschützen neutralisiert. Um überhaupt eine Chance auf den Sieg zu haben, wird am Dienstag eine ähnlich starke Leistung von Nöten sein. Die 3:0-Bilanz der Gäste inklusive des Auswärtssieges in Badalona muss man mit der 5:3-Bilanz in der Superleague abgleichen. Uns erwartet kein europäisches Spitzenteam, aber ein schwer zu schlagender, homogener Gegner mit brandgefährlichen Werfern. Im erweiterten Favoritenkreis für das EuroCup Final Eight-Turnier befindet sich Unics allerdings allemal.
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